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Vernissage im Weißenseerhof, Samstag 27. Mai 2017

Eröffnung: Hubert Thurnhofer

 

Leider konnte der Künstler zu seiner eigenen Vernissage nicht kommen. Da klingt es hoffentlich nicht despektierlich, aber sicher provokant, wenn ich sage, es kommt auch gar nicht auf den Künstler an, sondern auf die Kunst.

 

Strauss Franz 500

 

Bei allen Vernissagen ist es üblich, ausführlich über den Künstler zu sprechen, denn die Kunst definiert man meistens über den Künstler und seine Errungenschaften, also über die Künstler-Biografie. In diesem Sinne möchte ich darauf hinweisen, dass Franz Strauss mit seinem Aktion-Painting einer Tradition verpflichtet ist, die etwas so alt ist wie er selbst (er wird am 31. Oktober 60). In den 1950er Jahren wurde Jackson Pollock mit dieser Art der Malerei berühmt.

 

Beim Aktionpainting liegt die Leinwand auf dem Boden, der Maler trägt oft unterschiedliche Materialien in mehreren Schichten übereinander auf, wobei es die Innovation von Jackson Pollock war, zuletzt Farbe fließend in Punkten, Linien und Farbklecksen aufzutragen, ohne die Leinwand mit dem Pinsel zu berühren. Damit hat Pollock dem Expressionismus einen neuen Akzent verliehen. In Österreich war Hans Staudacher der erste Künstler der diese Malweise übernommen hat. Dieser Kärntner Künstler ist mittlerweile schon 94 Jahre alt. So kann man Franz Strauss zur jungen Künstler-Generation rechnen, die eine wichtige Tradition des 20. Jahrhunderts auf ihre spezifische Weise fortsetzen.

 

Die prägnante Einordnung in den kunsthistorischen Kontext würde an sich für eine Eröffnungsrede schon reichen. Damit würde ich einen kleinen Beitrag zur Kanonisierung des Künstlers Franz Strauß und – im Falle des Erfolgs – auch zu seiner Mystifizierung beitragen.

 

Nun bin ich aber nicht nur Galerist und Marken-Botschafter der Künstler, sondern auch Philosoph und als solcher der Aufklärung verpflichtet. Deshalb ist es kein Widerspruch, wenn ich das Narrativ „Franz Strauss tritt in die Fußstapfen von Pollock und Staudacher“, das ein Puzzelstein seiner Mystifzierung sein könnte, auch selbst gleich wieder entmystifiziere. Denn die Wahrheit ist, dass die Mythenbildung immer nur dann funktioniert, wenn man suggeriert, dass es nur wenige Heilige gibt. Übertragen auf die Kunst: nur wenige auserwählte Künstler. Doch wie jede gute Idee findet auch in der Kunst jede gute Entwicklung viele Anhänger.

 

An der Stelle möchte ich meine einleitendes Bonmont – es kommt nicht auf den Künstler an... - zuspitzen: es gibt keine bedeutenden Künstler, sondern nur bedeutende Kunstwerke. Sehr wohl gibt es bedeutungsvolle und bedeutungslose Künstler, demgegenüber aber nur bedeutende und unbedeutende Kunstwerke.

 

Das mag wie Haarspalterei klingen, doch manchmal ist es notwendig, allgemein übliche Phänomene die zu problematischen gesellschaftliche Entwicklungen führen oder schon geführt haben, zu hinterfragen. Und dazu gehört auch den üblichen Sprachgebrauch zu hinterfragen und bei Bedarf zu präzisieren. Im üblichen Sprachgebrauch redet man über „bedeutende“ Künstler, wenn man „bedeutungsvolle“ Künstler meint. „Bedeutungsvoll“ ist ein Synonym für „relevant“. Und Relevanz ist kein Phänomen an sich, sondern gilt immer nur für bestimmte Kreise, wobei relevant für eine wohlhabende Käuferschicht gleichbedeutend ist mit Erfolg im Kunstmarkt. So ergibt sich die Gleichung:

bedeutungsvoll = relevant = erfolgreich

Im Umkehrschluss gilt dann:

erfolglos = irrelevant = bedeutungslos

 

Für die Kanonisierung eines Künstlers Künstlers bedeutet das: nur wer erfolgreich ist, der ist auch bedeutungsvoll, nur wer relevant (und das heißt: relevant für eine Gruppe von Sammlern, Kuratoren und Museumsdirektoren) ist, der hat Aussicht auf Anerkennung seiner vollen Bedeutung. Im Umkehrschluss gilt: wer kommerziell erfolglos ist, bleibt außerhalb der Wahrnehmungsgrenze der wichtigen Marketmaker und de facto bedeutungslos.

 

Noch ein aktuelles Beispiel, wie die Kunstwelt unbedeutende Werke oft mit Bedeutung auflädt, nur weil sie von einem bedeutungsvollen Künstler sind. Derzeit läuft die Biennale in Venedig und einer der offiziellen Vertreter Österreichs ist Erwin Wurm, der drei Jahre älter als Franz Strauss ist. Vor den Österreich-Pavillon hat er einen Lkw auf die Nase gestellt und auf der Ladefläche eine Aussichtsplattform eingerichtet. Schnell waren die Kritiker zur Stelle, die in diesem Objekt einen gesellschaftskritischen Beitrag zur Flüchtlingsproblematik sehen wollten, da ja die Plattform den Blick auf das Meer frei gibt, wo jeden Monat hunderte Flüchtlinge ertrinken. Nein, korrekt formuliert: von Schleppern kaltblütig in den Tod geschickt werden. Wurm, auf seine Installation angesprochen, sagte ganz trocken, dass er nur eine Aussichtsplattform errichten wollte. Anders gesagt, das Grundkonzept Wurms, die Verfremdung von bekannten Objekten, war im konkreten Fall tatsächlich zu banal um den Erwartungen von Kritikern gerecht zu werden. Denn ein bedeutungsvoller Künstler kann ja keine bedeutungslose Kunst machen. Aber unbedeutende Kunst allemal. Würden die Kritiker die Sprache etwas präziser verwenden, wäre ihnen das im vorliegenden Fall vielleicht aufgefallen.

 

Über diese kleinen Exkursionen komme ich zurück zur Ausstellung der Gemälde von Franz Strauss und zu meiner Forderung, die Bedeutung einer Ausstellung über die Bedeutung der Kunstwerke zu evaluieren. Also den Inhalt, der im Bild liegt, und nicht den Inhalt, den Kunstkritiker und -wissenschafter hinein legen. Im Idealfall erschließt sich die Bedeutung der Kunstwerke durch die Kunstwerke selbst. Die Brücke zur Deutung sind die Titel, die der Künstler seinen Werken gegeben hat.

 

Wie ich von vielen Besuchern der Ausstellung gehört habe, ist das Bild „Mediterrane Impressionen“ das beliebteste Werk der Ausstellung. Das lässt sich auch sehr leicht erklären, denn das Bild prägt ein horizontaler Bildschnitt im oberen Drittel, darüber feuriges Rot, darunter warme, mediterrane Farbtöne. Das Bild, auch wenn es weit weg von einer klassischen Landschaftsdarstellung ist, deckt sich doch mit unseren Erwartungen, die der Titel weckt und mit unseren Seherfahrungen von Landschaften.

 

Deutlich unruhiger ist die Komposition „Die Erde brennt“, das Leitmotiv der Ausstellung. Ungewöhnlich für die Umwelt- und Natur-Themen dieser Ausstellung ist sicher die Farbpalette, in der sich kaum erdige Farben finden, sondern eher grelle Farben und starke Kontraste. Ich selbst hab den Künstler als ruhigen und introvertierten Menschen kennen gelernt, in seinen Bildern zeigt er aber, dass er auch mal „die Sau rauslassen“ kann. Insbesondere das Bild „Ausbeutung im 21. Jahrhundert“ ist alles andere als „schön“, es ist beunruhigend. Im Rahmen der Umweltthematik, die den Künstler beschäftigen, ist es naheliegend, dieses Werk als Kritik am Fracking zu lesen – eine Methode, die Erde zu vergewaltigen, die vergleichbar ist mit der im Mittelalter geübten Praxis der Verbrennung von Hexen bei lebendigen Leibe. Es wäre aber sicher auch möglich, dieses Bild politisch zu deuten, denn von schamloser Ausbeutung am Arbeitsplatz sind heute wieder mehr Menschen betroffen als in der an sich viel mühsameren Nachkriegszeit.

 

Es gibt nur ein Bild in dieser Ausstellung, dessen Bedeutung sich für mich nicht erschließt: „Dächer von Piran“. Meine Vorstellung von Dächern ist eher flächig, keine Ansammlung von Punkten, die dominierenden Blautöne verbinden sich in meiner Vorstellung nicht mit Hausfassaden. Das heißt aber nicht, dass das Bild deshalb unbedeutend ist, ich müsste allerdings in die Entstehungsgeschichte und die Intentionen des Künstlers eindringen und ergründen, welchen Blickpunkt der Künstler bei der Umsetzung dieses Werkes gewählt hat.

 

Anderseits ist es nicht nur die inhaltliche Ebene, die Bedeutungs-Ebene eines Kunstwerkes, die uns anspricht – oder auch nicht. Es kann durchaus sein, dass, insbesondere bei expressiver Malerei, die Emotionen direkt überspringen. So hängt (meiner Einschätzung nach) das beste Bild dieser Ausstellung im Restaurant. Während dem Abendessen konnte ich zwei Stunden lang den Blick davon nicht lösen, weil es mich geradezu magnetisiert hat. Das ist eigentlich der Idealfall einer Bildwirkung. Wenn das Bild unmittelbar wirkt, dann ist der Umweg über die Bedeutungsebene und die Vermittlung durch Kunstexperten nicht mehr nötig.

 

Ich hoffe, dass ich mit diesen Ausführungen verständlich machen konnte, dass ich mit dem einleitenden Bonmont keine Geringschätzung des Künstlers Franz Strauß, sondern meine Wertschätzung seiner Werke, die wir in dieser Ausstellung sehen dürfen, zum Ausdruck bringen wollte.

 

Die Ausstellung läuft im Spa-Bereich des Weissenseerhofes bis Ende September 2017.

 

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