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Egon Friedell verweist in einem Essay auf den Widerspruch zwischen Schönheit und Wahrheit in der Kunst: „Ich wollte eine Welt der Schönheit schaffen, und vor mir wuchs eine Welt der Wahrheit. Ich wollte eine Welt des Glaubens aufbauen, und es erhob sich eine Welt des Zweifels. Meine Schöpfungen waren mir nicht untertan, sie waren niemals meine willfährigen Kreaturen. Sie standen da als beseelte Wesen, mit ihren eigenen Lebenskräften begabt, und sie erschreckten mich, denn so habe ich sie nicht gewollt.“

 

Dieses Zitat trifft das Wesen der Kunst von Romana Hostnig. Sehr kritisch hat sie sich in Wort und Bild zu den Corona-Maßnahmen geäußert: „Alles was ich immer schon gemalt habe, ist in letzter Zeit offen zutage getreten. Ich bin mit meinen Recherchen durch eine totale Dunkelheit gegangen – das war geradezu apokalyptisch. Es hat sich ein Riesen-Puzzle aufgetan und es ist ein Horror raus gekommen. Deshalb ist Kunst so wichtig, Kunst ist das Gewissen. Wir gehen einer fürchterlichen, totalitären Zeit entgegen. Ich hoffe nur, dass es nicht zu bürgerkriegsähnlichen Situationen kommt. Die Volksseele kocht jetzt, aber man muss aufpassen, dass es nicht eskaliert.“

RomanaHostnig Abstand 2020 250 „Abstand“ ist eines der Bilder, mit denen Romana auf eine der Corona-Vorschriften reagiert. Die Politik hat dafür umgehend einen beschönigenden Neusprech-Terminus gefunden: social distancing. Zwei Figuren stehen Rücken an Rücken, sie haben keine Beine und Arme. Wie Kegel – schicksalsergeben - warten sie darauf, dass sie eine Kugel erfasst. Ob beim ersten Shutdown oder beim zweiten – es ist nur eine Frage der Zeit wann sie aus dem Spiel geworfen werden.
   

Immer wieder beschäftigt sich die Künstlerin mit der Ohnmacht und Resignation breiter Schichten in der Bevölkerung, die verhöhnt wird von einer sichtbaren oder unsichtbaren Übermacht. Gleichsam dämonische Kräfte, gegen die jeder Widerstand zwecklos scheint. Corona ist nur eine Zuspitzung jener ewigen Phänomene, die die Menschheit seit Anbeginn immer wieder unterdrücken.

 

„Die Entwurzelung des modernen Menschen ist in vielfacher Hinsicht verantwortlich für die Trennung der Einheit des Menschen mit der sie umgebenden Welt. So begreift sich in der modernen Zivilisation der Mensch nicht mehr als Teil der Schöpfung, was verheerende Folgen nach sich zieht. Entwurzelung bzw. die Entfremdung auch von sich selbst macht es den Politikern leicht gegen das Volk zu regieren“, erklärt die Künstlerin. Diese Entfremdung bringt sie im Bild „Die Bürde“ zum Ausdruck.

 

Anders als die mittelalterlichen Darstellungen des Heiligen Christophorus, der laut Legende die gesamte Bürde dieser Welt mit instinktiver Sicherheit über den Fluss trägt, schleppt der nur schemenhaft dargestellte Adam ein Wesen – halb Eva, halb Mutter Natur – über einen steinigen, unfruchtbaren Boden. Das ist nicht die Schöpfung Gottes, der Garten Eden, sondern ein Produkt Adams, das was er als Homo Sapiens aus dieser Welt gemacht hat. Während die Religionen dem Menschen Erlösung versprochen haben, hat der Mensch mit seinen eigenen Lösungen zur Auflösung und zum Zerfall der Schöpfung beigetragen.

 

Für Romana sind Religionen und Mythen, oder philosophisch formuliert „das Transzendente“, keine Parallelwelten jenseits der Wirklichkeit, sondern Ausdruck jener Wahrheiten, die den tiefen Sehnsüchten, Wünschen und dem ewigen Glauben des Menschen entspringen.

 

„Gefallener Engel“ zeigt einen Engel, der seine Flügel an die Wand gehängt hat. Gefallene sind Engel, die Menschen werden wollten. Romana zeigt diesen Menschen einsam, in sich versunken – meditativ oder nachdenklich bleibt offen – aber nicht hoffnungslos. „Hoffnung“ ist in vielen Fällen synonym von „Glaube“. Der gefallene Engel hat demnach seinen Glauben nicht verloren. Vielleicht resigniert er zeitweise – wobei er gerade das lernen muss: in der Zeit leben und vorüber gehende Erlebnisse zu verarbeiten. Abschied von der Ewigkeit, die ja nicht unendlich lange Zeitdauer bedeutet, sondern im transzendenten Sinn: Zeitlosigikeit. Das Motiv „Resignierter Engel oder Schadenfreude der Dämonen“ verweist darauf.

 

Das Motiv des gefallenen Engels findet sich in vielen Mythen, in der christlichen Tradition ist der gefallene Engel Luzifer, der Eva verleitet hat vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ zu essen. Theologen interpretieren diese Legende als „Sündenfall“ und als Ursache für das Übel in dieser Welt. Ich versuche hier eine andere Interpretation.

 

Luzifer ist ein Geschöpf Gottes. Die Möglichkeit zur Verlockung hat Gott geschaffen. Die Möglichkeit der Erkenntnis von Gut und Böse hat Gott erschaffen. Es ist naheliegend, dass Gott dem Menschen den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse nicht für immer vorenthalten wollte – wozu hätte er ihn dann geschaffen? Demnach hat Luzifer bloß einen Prozess beschleunigt, der ohnehin von Gott geplant war. Es ist daher an der Zeit damit aufzuhören, Luzifer zu verteufeln. Wenn Gott in uns ist (als das Ominöse, Paradoxe, Mysteriöse, Ewige und ewig Unbekannte), dann ist Luzifer ebenso in uns (als Licht der Erkenntnis, aber nicht nur von Gut und Böse, sondern auch von Links und Rechts, von Oben und Unten, von Gestern und Morgen, von Hell und Dunkel, von 0 und 1, sowie A bis Z). Wenn wir Luzifer wertfrei und wertneutral als Licht der Erkenntnis interpretieren, dann entspricht das Spannungsfeld Luzifer versus Gott exakt dem Kampf zwischen Wissenschaft und Religion, den die Zivilisation seit Ausbruch des Christentums erlebt hat und immer noch erlebt.

 

Mythen greift Romana in ihren Bildern immer wieder auf. Schon 1987 hat sie das großformatige Triptychon „Kassandra“ geschaffen. Kassandra, die Tochter des trojanischen Königs Priamos, hatte die Fähigkeit, Gefahren der Zukunft vorherzusehen, doch durch einen Fluch Apollons sollte ihr niemand glauben. Immer noch aktuell ist ihr Gedicht aus dieser Zeit:

kassandra

ich sehe schwarz und möcht euch warnen

brecht die sargdeckel eurer augen und seht

der verputz soll das darunter tarnen.

brecht eure mauer ein und geht

die stufen hoch bis zu den dornen

brecht das tor zum herzen ein und seht

dahinter: existiert noch eine welt.

 

Romana hat Kassandra mehrfach gemalt. Man könnte diese Werke nicht nur in der Rubrik „Mythen“ einreihen, sondern auch in der Serie ihrer Selbstporträts, die zu den intensivsten Bildern von Romana zählen.

 

Romona H Video youtube

 

De griechische Tragödie wiederholt sich in Zeiten der Corona-Herrschaft, denn jene Kritiker, die heute schon die Folgen von morgen und übermorgen vorhersehen, werden als „Corona-Leugner“ diffamiert. „Corona-Leugner“ klingt nach Gottes-Leugner – die Folgen für die Betroffenen sind nicht prinzipiell, sondern nur graduell unterschiedlich. Wurden Gottesleugner seinerzeit eingesperrt, werden „Corona-Leugner“ heute ausgesperrt. Im Mainstream, in den Leitmedien, in den etablierten Parteien, in der Hochkultur und an den staatlichen Universitäten haben sie keinen Platz.

 

Österreichs Regierung hat – wie der Verfassungsgerichtshof in vielen Fällen bereits bestätigte – seit Ausbruch der Corona-Herrschaft mehrfach die Verfassung verletzt; kurz: Recht gebrochen. Dass die österreichische Regierung damit nicht alleine da steht, sondern im Gleichschritt mit so gut wie allen Staaten dieser Welt marschiert, ist kein Grund zur Beschwichtigung. Ganz im Gegenteil: das ist ein Grund zur Beunruhigung. Die Masken erweisen sich in dieser Zeit als Demaskierung einer politischen Haltung: die Politiker geben nur gefilterte Informationen weiter, die Bürger sollen den Mund halten.

 

„Die Regierung hat kein soziales Gewissen“, kritisiert Romana. „Das soziale Gewissen kann man nur haben, wenn man ein gewisses Selbstbewusstsein hat. Wenn mir Unrecht passiert, dann wehre ich mich. Ich weiß aber nur was Unrecht ist, wenn ich ein selbstbewusster Mensch bin. Wenn ich glaube, ich bin nichts wert, dann geschieht mir nie ein Unrecht, dann ist ja alles ok was mir passiert.“

 

Eine bittere Erkenntnis liegt in der Behauptung: es gibt kein Recht auf Gerechtigkeit. In einem Rechtsstaat hat jeder Mensch ein Recht auf ein korrektes Gerichtsverfahren, doch dass ein Urteil auch gerecht ausfällt, dafür gibt es keine Garantie. Justitia war in der römischen Mythologie die Göttin der Gerechtigkeit, Recht und Gerechtigkeit waren eine Einheit. Heute findet sich in den ausufernden Gesetzen, die in ihrer Gesamtheit „das Recht“ ausmachen, keine Definition von Gerechtigkeit. Und man wird auch keinen zeitgenössischen Philosophen finden, der es wagen würde so eine Definition vorzunehmen. Es ist auch nicht erforderlich, denn jeder Mensch ist fähig ex negativo zu beurteilen, wenn etwas ungerecht ist.

 

Die Qualität und die Quantität an Ungerechtigkeit hat seit Beginn des 21. Jahrhunderts sichtbar zugenommen. Dies ist ein deutliches Demokratie-Defizit, das sich nicht nur in der Politik manifestiert, sondern auch in der Kultur: die demokratische Öffnung der Schulen und Universitäten im 20. Jahrhundert hat zwar vielen Menschen aller sozialen Schichten Chancen gegeben, ihre Talente zu entfalten und auf ein hohes, professionelles Niveau zu bringen, doch der Kulturbetrieb verharrt in hierarchischen Strukturen.

 

Den Österreichern unterstellt man oft, dass sie obrigkeitshörig sind. Das betrifft aber nicht nur den politischen Führerkult (freilich heute nicht mehr in Form der tragischen Oper sondern als halblustige Operette), sondern auch das Starprinzip im Sport genauso wie in Film, Theater, Musik, Literatur und natürlich auch in der bildenden Kunst.

 

In die „Hochkultur“ fließt immer mehr Geld, doch immer weniger Kulturschaffende – egal ob KünstlerInnen, MusikerInnen oder AutorInnen – partizipieren daran. Romana Hosting kritisiert daher zurecht: „Hochkultur ist durchsichtig, nur das, was schon abgesegnet ist und woran keine Kritik mehr geübt wird. Aber das, was öffentlich noch nicht abgesegnet ist, das wird nicht gezeigt.“ Hochkultur ist nicht immer die Krönung der Kunst, doch die Corönung der Kunst bringt sogar die Hochkultur zum Schwanken.

 

Werden Kunstwerke nicht in Museen gezeigt, in den „heiligen Hallen der Kunst“, so berichten die großen Medien nicht darüber; berichten die Medien nicht darüber, hat man kaum Chancen am Kunstmarkt. Gegen diese Negativspirale führt Romana einen aktiven Kampf, oft auch im buchstäblichen Sinnen einen Straßenkampf. Ihre beseelten Werke haben es verdient, in Museen zeitgenössischer Kunst gezeigt zu werden, doch in Museen sind Künstler, die „niemand“ kennt, nur als Besucher mit Eintrittskarte willkommen, denn der Trend in Museen besteht darin, immer mehr von immer weniger zu zeigen. Der prominente Künstler, der oberflächliche Starkult, ist wichtiger als vertiefende Kulturvermittlung, wichtiger als die Kunstwerke selbst, wichtiger als die Qualität der Kunst.

 

Das Œuvre von Roman Hostnig umfasst Grafiken, Gemälde, Installationen und Plastiken. Noch bevor sie 1980 ihre Neigung für die bildende Kunst entdeckte und entfalten konnte, hatte sie Erfolg als Autorin und gewann 1978 den Max von der Grün-Preis, benannt nach dem Schriftsteller und ehemaligen Bergmann, der auch in Österreich die Bewegung „Literatur der Arbeitswelt“ beflügelte. Auch ihre bildnerischen Werke haben die Kraft zu sprechen, den Betrachter anzusprechen. Narrativ ist bis heute ihre Bildwelt, ihre Bilder erzählen aber selten Alltagserlebnisse, sondern meistens von der kritischen Haltung der Künstlerin. Der Inhalt bestimmt die Form, so ergibt sich logisch, dass die Werke von Romana Hostnig nie gefällig sind. Der Engel ist gefallen, aber nicht gefällig. Die Werke von Romana sind auch nicht auffällig (marktschreierisch) oder zufällig (beliebig austauschbar), sondern ganz einfach fällig: es ist an der Zeit, sich mit diesen Werken intensiv und extensiv zu beschäftigen!

 

So passt hier abschließend eine Weisheit von Hölderlin: "Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben, siehst du das eine recht, siehst du das andere auch".

Hubert Thurnhofer, Dezember 2020

 

Romana Hostnig ist auch Teilnehmerin der Ausstellung MEINUNG & URTEIL

 

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